Bewegt sich Rom in der Männerfrage?
28. März 2026
Eine neue vatikanische Studie zur „Frauenfrage“ bezeichnet diese als „dringlich“ für die katholische Kirche. Papst Franziskus hatte es während der Weltsynode 2023 – trotz vieler Proteste – abgelehnt, diese Frage dort vertieft zu thematisieren. Stattdessen beauftragte er eine Studiengruppe, die Rolle von Frauen in der Kirche zu untersuchen.
Jetzt hat die „Studiengruppe Nr. 5“ geliefert und u.a. festgestellt, dass sich „eine wachsende Zahl von Frauen in unterschiedlichen Teilen der Welt im Haus des Herrn nicht mehr wohl fühlt – bis hin zu dem Punkt, dass sie es vollständig verlassen“. Ausserdem sei die „Frauenfrage“ ein echtes Zeichen der Zeit.

Die „Frauenfrage“ als Zeichen der Zeit
Zeichen der Zeit sind für die Kirche theologisch relevante gesellschaftliche Befunde. In ihnen manifestiert sich der heilige Geist, man könnte sie als göttliche Botschaften betrachten. Abzugrenzen sind sie – was im einzelnen schwer sein kann – vom Zeitgeist, der als modische Strömung keiner Beachtung bedarf.
Der Begriff Zeichen der Zeit geht zurück auf Papst Johannes XXIII., der ihn in 2 Texten verwendete, in seiner Bulle Humanae salutis von 1961, mit der er das 2. Vatikanische Konzil einberufen hatte, und während des Konzils in seiner Enzyklika Pacem in terris. Dabei griff der Papst auf das Matthäusevangelium (16,3) zurück, in dem die Rede von den „semeia toon kairoon“ ist, den „Zeichen der Zeit“. Er verstand darunter Hauptfakten, die eine bestimmte Epoche in der Geschichte kennzeichnen.
Bringt die Studie etwas Neues?
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass bereits vor 60 Jahren Mahnungen laut wurden, die Frauen würden die Kirche verlassen. Die Theologin Josefa Theresia Münch wandte sich vor der letzten Sitzungsperiode des 2. Vatikanischen Konzils im Juli 1965 an die teilnehmenden deutschsprachigen Bischöfe:
„Bitte, nehmen Sie die Frauen ernst und für volle Glieder der Kirche, solange es noch Zeit ist, solange sie noch am Gottesdienst teilnehmen! Wenn die Frauen erst einmal die Konsequenz daraus gezogen haben, dass sie in der Kirche dauernd negiert werden, ist es zu spät.„
Auch hat die Kirche nicht erst jetzt, sondern bereits vor 60 Jahren die Geschlechterfrage als Zeichen der Zeit erkannt. Für Papst Johannes XXIII. war 1963 seine Gegenwart durch 3 Zeichen der Zeit gekennzeichnet, unter anderem durch
„… die allgemein bekannte Tatsache, daß die Frau am öffentlichen Leben teilnimmt, was vielleicht rascher geschieht bei den christlichen Völkern und langsamer, aber in aller Breite, bei den Völkern, welche als Erben anderer Überlieferungen auch andere Lebensformen und Sitten haben. Die Frau, die sich ihrer Menschenwürde heutzutage immer mehr bewußt wird, ist weit davon entfernt, sich als seelenlose Sache oder als bloßes Werkzeug einschätzen zu lassen; sie nimmt vielmehr sowohl im häuslichen Leben wie im Staat jene Rechte und Pflichten in Anspruch, die der Würde der menschlichen Person entsprechen“ (Pacem in terris Nr. 22).„
Mit der Feststellung der „Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben“ wird kirchlicherseits die Frauenbewegung gewürdigt und die kirchliche Forderung nach Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse und Berufungen im gesellschaftlichen Leben abgeleitet. Der Ausschluss der Frauenordination in der römisch-katholischen Kirche wird heute zunehmend als eine Nichtachtung dieses göttlichen Zeichens kritisiert.
Fazit: Weder die Austritts(m)ahnung ist neu, noch die theologische Aufwertung als Zeichen der Zeit: Wir drehen uns seit 60 Jahren im Kreis .
Gibt es dennoch Hoffnung?
Bemerkenswert sind allerdings einige Feinheiten. So wird ausdrücklich anerkannt, was bisher immer in Rom bestritten wurde: Die Unzufriedenheit der Frauen ist keine regionale kirchliche Erscheinung, etwa nur in Deutschland oder in Europa. Sie ist von globaler, von weltkirchlicher Bedeutung.
Damit drohen nicht nur vereinzelte, regional begrenzte Frauen-Austritte. Die Zukunft der Kirche ist insgesamt gefährdet. Zu Recht hat dies in aller Deutlichkeit der Erzbischof von Lüttich, Kardinal Hollerich, kürzlich in Bonn angemahnt: „Ich kann mir auf Dauer nicht vorstellen, wie eine Kirche bestehen kann, wenn die Hälfte des Volkes Gottes leidet, weil sie keinen Zugang zum geweihten Dienst hat“. 60 Jahre nach Pacem in terris ist diese Erkenntnis jetzt auch im Kardinalskollegium angekommen, jedenfalls bei den ersten Kardinälen.
Gratulation an den heiligen Geist, der hier Schwerstarbeit verrichtet haben muss. Sein mühevolles Wirken gibt Grund zur Hoffnung, wenigstens ein klein wenig. Dies ist in Zeiten, in denen restaurative Tendenzen – auch in der Kirche – einen Rollback befürchten lassen, schon Anlass zur Freude.
Aber reicht das?
Zurücklehnen reicht aber weiterhin nicht. Diese kleinen (Erkenntnis-) Fortschritte wurden mühsam erkämpft. Auch weitere Fortschritte werden nur erreicht werden können, wenn der Druck auf die Kirche aufrecht erhalten wird und der Kampf gegen ihre Frauendiskriminierung und Menschenrechtsverletzungen andauert.
Dazu bedarf es – angesichts obstinater römischer Verweigerung – auch des Ungehorsams und der Selbstermächtigung. Mögen sich Frauen das holen, was ihnen zusteht. So wie sich Rosa Parks gegen die Rassendiskriminierung auf die verbotenen Sitze im Bus setzte, stellen sie sich hinter den Altar. Die Donau Sieben haben 2002 damit begonnen; über 300 Frauen sind gefolgt – als Priesterinnen und Bischöfinnen. Sie sind die Rosa Parks der katholischen Kirche.