Frauenausschluss: nicht Christi Wille

Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.

Die Bibel, Galater 3, 2
  1. Das Hauptargument der Kirche gegen die Frauenweihe ist das Verhalten, das Vorbild Christi, das er mit der ausschliesslichen Auswahl von Männern gegeben habe. Christus nachfolgen bedeute, ihm diesbezüglich nach zu tun. Dieses Argument klingt für viele auf Anhieb überzeugend. Die suggestive Kraft der Vorbild-Formel führt aber oft zum unreflektierten Nachahmen eines Vorbildes. Diese oberflächliche Suggestion schwindet gerade hier beim näheren Hinsehen.
  2. Dazu ist die Ausgangssituation in Blick zu nehmen. In welcher Situation befand sich Christus, als er die Apostel auswählte? Papst Johannes Paul II. führt im apostolischen Schreiben Mulieris Dignitatem vom 15. August 1988 Nr. 26 (1994 zitiert in Ordinatio Sacerdotalis Nr. 2) den „freien“ Willen Christi bei der Wahl seiner Apostel an. Geht man davon aus, so war Christus frei, auch Frauen zu Aposteln zu machen, hat es aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht getan.
  3. Was die Frauenordination angeht, stellt sich also die Frage: Hat Christus die ihm zustehende Freiheit allein durch seine ausschliessliche Wahl von Männern als Apostel für seine Nachfolger einschränken wollen? Dies darf bezweifelt werden. Der Auswahl Christi wohnt keine normative Qualität inne. Christi Wahl ist lediglich ein Faktum. Wer anderes annimmt, macht einen grundlegenden logischen Fehler, den Fehler der Verwechselung von „Sein“ und „Sollen“ ( oder den Kategorienfehler, wonach aus der Wirklichkeit nur auf die Möglichkeit, nicht aber auf die Notwendigkeit geschlossen werden kann): Denn das Faktische allein hat keine normative Kraft. Es muss eine voluntatives Element dazu treten, das einen Normsetzungs- oder Regelungswillen indiziert.
  1. Der Wille Christi zum Frauenausschluss wird kirchlicherseits zwar behauptet, aber nicht belegt (s. Erklärung Inter Insigniores der Kongregation der Glaubenslehre vom 15.10.1976 Nr. 1 und Nr. 2). Konkrete Indizien für den normativen Charakter seiner männlichen Apostelwahl werden von der Glaubenskongregation nicht genannt. Sie sind aus der Bibel auch nicht zu entnehmen: Das neue Testament verhält sich neutral zur Geschlechterfrage des Priestertums, wie die päpstliche Bibelkommission 1976 feststellte; es schliesse Frauen als Priesterinnen nicht aus.
  2. Angesichts dieser argumentativen Aporie ist es nicht verwunderlich, dass die Argumentation der Glaubenskongregation etwas hilflos anmutet. An zentraler Stelle wird ausgeführt, dass es „hier eine Anzahl von konvergierenden Fakten gibt, die die bemerkenswerte Tatsache unterstreichen, dass Jesus den Auftrag der Zwölf keinen Frauen anvertraut hat.“ Die „konvergierenden Fakten“ hinter dieser nebulösen Formulierung („Fakten, die eine Tatsache unterstreichen“?) werden nicht genannt (II Nr. 2). Und der Hinweis auf die „bemerkenswerte Tatsache“ (die im übrigen überhaupt nicht bemerkenswert war, sondern in der damaligen Zeit völlig üblich) wiederholt den logischen Fehler der Verwechselung von „Sein“ und „Sollen“. Am Ende ist nur ein Wille erkennbar, der Wille der Kirche, Christus etwas zuzusprechen, was er tatsächlich gar nicht wollte – nämlich Frauen von der Weihe auszuschliessen.
  3. Dass sich das kirchliche Lehramt hinsichtlich Christi Willen in einem fundamentalen Irrtum befindet, wird spätestens deutlich, wenn man Christi Charakter und sein Verhalten gegenüber den Frauen im Allgemeinen betrachtet. Dem Zeitgeist entgegen wertet Christus ihre Stellung auf, was die Glaubenskongregation sogar als „mutigen Bruch“ konzediert und mit biblischen Beispielen belegt (II Nr. 2). Und die Bibel betont ausdrücklich und unmissverständlich die generelle Gleichstellung der Geschlechter in Gal 3, 28, wonach es „in Christus keinen Unterschied zwischen Mann und Frau gebe“; auch dies spricht gegen die kirchliche Annahme von Christi Ausschlusswillen. Aber dieses Bibelwort wird als nicht einschlägig abgetan (II Nr. 5) – in fragwürdiger Weise, da keine Begründung erfolgt.

Die Stunde kommt, die Stunde ist schon da, in der sich die Berufung der Frau voll entfaltet, die Stunde, in der die Frau in der Gesellschaft einen Einfluss, eine Ausstrahlung, eine bisher noch nie erreichte Stellung erlangt.

Papst Benedikt XVI. am 11.10.2012 zum 50. Jahrestag der Konzilseröffnung Papst Paul VI. zitierend
  1. Ein Wille Christi für den Frauenausschluss ist somit letztlich der Bibel nicht zu entnehmen. Auch ausserbiblische Indizien für einen angeblich von Christus gewollten Frauenausschluss liegen nicht vor. Das Gegenteil drängt sich auf, wenn man beispielsweise versucht, sich in Christi Situation zu versetzen: Wieso sollte Christus, der sogar sein Leben hingab, um Gottes Heilsplan zu verwirklichen, dessen Verwirklichung behindern, indem er die Hälfte der Christen als seine apostolischen Nachfolger pauschal – und damit auch mulieres probatae – von der Mitwirkung an Gottes Heilsplan ausschliesst? Oder salopp formuliert: Eine 100%ige Männerquote hilft – wenn überhaupt – nur den Männern, aber nicht der Umsetzung von Gottes Heilsplan. Denn es gelangen damit nicht die Besten und Geeignetsten in die apostolischen Ämter.
  2. Es gibt also keinen theologisch belastbaren Hinweis darauf, dass Jesus gemäss „Gottes Plan für seine Kirche“ (OS Nr. 1) nur Männer als apostolische Nachfolger wollte oder – anders gesagt – dass der Christus von Gott gegebene Handlungsspielraum von ihm gegenüber seinen Nachfolgern beschnitten werden sollte. Warum auch? Gott liess ihm die Freiheit der Geschlechterwahl; damit konnte Christus annehmen, dass die Freiheit der Geschlechterwahl Gottes Heilsplan entspricht. Der Ausschluss der Frauen ist daher von Christus vermutlich nicht nur nicht gewollt, sondern dürfte sogar gegen seinen Willen verstossen. Damit bleibt es bei der Situation, die Jesus vorgefunden hat: Auch der Kirche steht die Christus von Gott gewährte Freiheit zu, sowohl Frauen als auch Männer zu weihen.

Fazit: Als Christus sich für Männer als Apostel entschied, wollte er nicht die andere Hälfte des Volkes Gottes vom apostolischen Amt ausschliessen. Wer die Frauen vom Priesteramt ausschliesst, kann sich also nicht auf Christus berufen. Tut er es, befindet er sich in einem fundamentalen Irrtum.