Christliche Werte statt Zeitgeist

Wenn es stimmt, dass Gott den Frauen ihre Rolle zuweist, widersetzt sich die Kirche dann nicht Gott, wenn sie eine Frau abweist, die sich zum Priestertum berufen fühlt?

Pastoralreferent
  1. Viele Frauen und auch Männer in der katholischen Kirche beklagen seit langem und zunehmend den mangelnden Respekt vor Frauen und ihre kirchenrechtliche und alltägliche gemeindliche Diskriminierung. Die Überlegungen zur Beseitigung dieses Missstandes führen in letzter Konsequenz zu einer zentralen Forderung, der Forderung nach Einführung der Frauenordination, also der Möglichkeit für Frauen, alle kirchlichen (Weihe-) Ämter wahrnehmen zu können, insbesondere Priesterinnen zu werden. Im Mittelpunkt der folgenden Thesen steht daher die Einführung der Frauenweihe in der katholischen Kirche.
  2. Es geht nicht um weniger – wie die Wiedereinführung des Frauendiakonats, die vermehrte und gleichberechtigte Teilnahme an Entscheidungsprozessen wie z.B. in Synoden oder um nichtpriesterliche Führungspositionen. Diese Ziele sind wichtig, aber sie reichen heute allein nicht mehr aus. Ein Mit-der-Zeit-gehen, ein Aggiornamento als Zielstellung greift zu kurz, eine umfassende Erneuerung zugunsten der Frauen ist erforderlich.
  3. Mit der Einforderung der Frauenweihe wird eine Bewegung unterstützt, die ihren Ausgang vor über 50 Jahren in der Feststellung von Papst Johannes XXIII. von der „Teilnahme der Frau am öffentlichen Leben“ nahm (Enzyklika Pacem in terris vom 11.4.1963 Nr. 22). Das von Papst Johannes XXIII. initiierte II. Vatikanische Konzil erweiterte diesen Gedanken in der von Papst Paul VI. am 7.12.1965 veröffentlichten Pastoralkonstitution Gaudium et spes, indem es fordert, dass „jede Form einer Diskriminierung in den gesellschaftlichen und kulturellen Grundrechten der Person, sei es wegen des Geschlechts oder der Rasse … überwunden und beseitigt werden muss, da sie dem Plan Gottes widerspricht“ (GS Nr. 29). Die Einforderung der Frauenweihe (Frauenordination) steht somit im Geiste des II. Vatikanischen Konzils, indem sie den göttlichen Auftrag zur Beseitigung der geschlechtlichen Diskriminierung konsequent auch innerkirchlich umzusetzen trachtet.

Es schadet unserer Kirche, wenn nicht die Besten zu ihrer Leitung ausgewählt werden, sondern nur Männer.

Schüler eines bischöflichen Gymnasiums
  1. Den Befürwortern der Frauenordination wird häufig vorgeworfen, lediglich dem Zeitgeist zu huldigen. Unabhängig von seiner fragwürdigen Substanz fällt dieser Einwand auf diejenigen, die ihn erheben zurück: Die katholische Kirche selbst ist es, die seit fast 2000 Jahren dem Zeitgeist folgt, dem Zeitgeist, der mangelnden Respekt gegenüber Frauen und ihre Diskriminierung zulässt. Jesus selbst hat im Umgang mit den Frauen mit dem Zeitgeist gebrochen; die Kirche ist ihm bei diesem „mutigen Bruch“, wie die Glaubenskongregation konstatiert, bis heute nicht gefolgt. Es ist Zeit, dass sich die Kirche vom Zeitgeist frei macht und sich in der Frauenfrage konsequent an christlichen Werten orientiert.
  2. Wie sehr die katholische Kirche den Zeitgeist hofiert, zeigt sich in der Diskussion um die Wiedereinführung des Frauendiakonats, den es in den ersten Jahrhunderten des Christentums bereits als gängige Praxis gegeben hat und den es auch heute in vielen christlichen Kirchen gibt. Die Bemühungen der Hildegard-Forscherin und Benediktinerin Marianna Schrader und anderer Frauen, die sich mit mutigem Aplomb im Rahmen des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) für die Frauweihe eingesetzt haben, blieben erfolglos, weil die männlichen Entscheidungsträger damals die „Zeit für noch nicht reif“ hielten. Leider sehen sie das – in lebensfremd anmutender Verkennung der Lage – heute noch immer so.
  1. In einigen Weltregionen wird die mangelnde kirchliche Überwindung des frauenfeindlichen Zeitgeistes derzeit als besonders schmerzlich empfunden, z.B. in Europa und Nordamerika. In diesen Regionen ist Eile bei der Erneuerung geboten, um in ihnen nicht das Vertrauen der Gläubigen in die Kirche als christliche Institution zu verlieren. Dieser Verlust hätte eine zerstörerische Wirkung für den Fortbestand der Kirche in diesen Regionen. Anfänge dieses Niederganges sind in Deutschland bereits deutlich zu spüren.
  2. Was andere Weltregionen angeht, in denen noch heute Frauen strukturell benachteiligt werden, besteht in der kirchlichen Überwindung des frauenfeindlichen Zeitgeistes eine grossartige Chance: Die katholische Kirche würde damit ihre urchristliche Rolle als Vorkämpferin für die Rechte der Benachteiligten einnehmen. Die Strahlkraft und Vorbildwirkung einer konsequenten Frauengleichstellung in der katholischen Kirche würde in diesen Regionen überwältigend sein – auch und gerade weil sie dort auf gesellschaftliche Widerstände treffen wird.
  3. Die unterschiedliche gesellschaftliche Situation der Frauen in den verschiedenen Regionen der Welt manifestiert sich auch in unterschiedlichen regionalen Situationen der katholischen Kirche. Diesem Umstand hat die Reform Rechnung zu tragen; der Weg zur Frauenordination darf und kann nicht im weltkirchlichen Gleichschritt erfolgen. Vielmehr ist ein Reformprozess erforderlich, der örtlich unterschiedliche Geschwindigkeiten zulässt. Die Amazonas-Synode im Oktober 2019 hat diesen Weg bei der Frage verheirateter Priester gewiesen. Der 2019 in Deutschland vereinbarte Synodale Weg wird hoffentlich ebenso die regionale Erneuerung der Kirche voranbringen. Dies intendiert auch Papst Franziskus mit seinem Schreiben vom 29.6.2019. Er sieht die deutschen Katholiken – nicht nur die Bischöfe – als „Pilgernde“, als Voranschreitende, die die Kirche in der Krise gemeinsam voranbringen. Mit seinem inhaltlich offen bleibenden Schreiben gibt er ihnen dabei ganz bewusst Freiraum.
  1. Aber was spricht überhaupt gegen die Frauenordination? Die Tradition. Darauf beruft sich die katholische Kirche gerade in dieser Frage immer wieder. Der Verweis auf die Tradition erscheint allerdings hochproblematisch. Wird ein Fehler dadurch ungeschehen, dass er wiederholt wird? Nein, die Tradition sagt nichts über die Richtigkeit des Tuns aus. Mit der Tradition wurde beispielsweise früher die Feudalherrschaft gerechtfertigt und heute noch die weibliche Genitalverstümmelung in Afrika. Der Verweis auf ein „So haben wir es immer gemacht“ besitzt keine ethische Dignität. Für ethische Dignität steht aber das zentrale Dokument des Christentums, die Bibel.
  2. Ausgeschlossen ist die Frauenordination in der Bibel nicht. Dessen war sich schon die päpstliche Bibelkommission bewusst. 1976 hatte sie erklärt, dass im Neuen Testament keine Entscheidung über die Ordination von Frauen zum Priestertum gefällt werde und folglich kein Verbot von Priesterinnen aus neutestamentlichen Aussagen herausgelesen werden könne; auch werde der Heilsplan Christi durch die Zulassung der Frauenordination nicht überschritten oder verfälscht (Walter Groß, Bericht der päpstlichen Bibelkommission, 1976, in: ders. (Hg.) Frauenordination, Stand der Diskussion in der Katholischen Kirche, München 1996, S. 25-31).
  3. Neue Gesichtspunkte bereichern den Diskurs seitdem nicht. Die Befürworter der Frauenordination haben daher den Eindruck: Die wollen einfach nicht. Diese Auffassung spiegelt sich treffend in einem Diktum wieder, das einem verstorbenen deutschen Bischof zugesprochen wird: Eher lernen Schweine fliegen, als dass Frauen hinter dem Altar stehen. (zitiert nach Christiane Florin, Die Zeit / Christ und Welt, Nr. 24, 6. Juni 2019).
  4. Dieses Diktum sagt wenig über die Wahrscheinlichkeit einer zukünftigen Frauenordination aus, ist also nicht als Prognose zu verstehen. Viel mehr manifestiert sich darin die mentale Verfassung seines Autors. Frauen hinter dem Altar sind für ihn unvorstellbar, übersteigen seinen Horizont. Damit scheint es mehr ein subjektives Problem in den Köpfen der Gegner als ein objektives Argument gegen die Frauenordination zu geben. Dies ist nicht abwertend gemeint, sondern als neurobiologisches Faktum: Tradition kann negativ wirken, indem sie unser Denken einengt und beschränkt, wie aus neurobiologischen Forschungen bekannt ist. Sie wäre dann nicht ein Grund für den Ausschluss der Frauen, sondern eine (physikalisch wirksame) Ursache. Bildlich gesprochen geht es also darum, eine Mauer in den Köpfen einzureissen. Fällt diese, dann fällt auch die theologische Mauer. Die Kirchengeschichte kennt etliche solcher Veränderungsmuster, beispielsweise bei der Abkehr vom geozentrischen Weltbild.

Tradition ist wie ein eingetretener mentaler Pfad. Sie gibt einer Gemeinschaft Stabilität, wirkt aber auch als kollektives Brain-Washing gegen neue Wege. Theologisch gesprochen: Sie verengt das Fenster für den Eintritt des heiligen Geistes.

Neurobiologe
  1. Das Gute an dieser Situation ist, dass sich ein Hindernis im Denken dank der menschlichen Neuroplastizität beseitigen lässt. In der Kirche ist der Weg zu der dazu erforderlichen mentalen Öffnung bereits erfolgreich beschritten worden. Es war bei einem ähnlichen, aber weniger bedeutsamen Thema, bei der Zulassung von Messdienerinnen am Altar. Früher unvorstellbar und in den 80er Jahren umstritten und angefeindet sind heute Messdienerinnen nicht mehr vom Altar wegzudenken. Die praktische Umsetzung im kirchlichen Alltag in Deutschland erfolgte in den Gemeinden durch Selbstermächtigung, sogar gegen den ausdrücklichen Willen von Johannes Paul II. Nach gut 10 Jahren änderte er seine Auffassung und legalisierte 1994 die gängige Praxis mit der Massgabe, dass sie der jeweilige Bischof aus „bestimmten örtlichen Gründen“ erlaubt.
  2. Eine solche Selbstermächtigung zur Überwindung bestehender mentaler Grenzen bietet sich auch auf dem Weg zur Frauenordination an. Dazu sind beispielsweise Pastoralreferentinnen viel stärker in die Messfeiern einzubinden. Soweit möglich sollten sie neben dem Priester eine aktive, priesterähnliche Rolle einnehmen. Auch in der Kleidung sollte dies zum Ausdruck kommen, insbesondere indem grundsätzlich Gewänder getragen werden, die denjenigen der Priester nahe kommen. So werden immer mehr Gläubige den Eindruck gewinnen, den ein Teilnehmer eines Gottesdienstes so äusserte: „Eine grandiose Pfarrerin. Wusste gar nicht, dass es das in der katholischen Kirche gibt“ (Arnd Brummer, Chrismon 7/2019 S. 22). Viele Priester werden dieses Vorgehen schon heute gerne unterstützen. Auch die stille und wohlwollende Duldung von Bischöfen scheint es schon geben.
  1. Mit solchen Aktivitäten erfolgt nicht nur die Anbahnung der mentalen Öffnung für die Frauenordination, sondern zugleich auch eine sichtbare Unterstützung der mittlerweile zunehmend umfänglichen und gut organisierten Frauenbewegung in der katholischen Kirche (nicht nur national wie z.B. Maria 2.0, sondern auch weltweit: Overcoming Silence, Catholic Women Preach, Voices Of Faith, Catholic Women’s Council, Womens Ordination Campaign). Ihr Engagement in dieser Frage ist von unschätzbarem Wert. Sie seien bestärkt, der günstige Moment, der καιρόσ (kairos) ist da.
  2. Dies gilt um so mehr, als es schon heute Frauen gibt, die regelmässig die heilige Eucharistie feiern, also Messen lesen. Diese Entwicklung beschränkt sich vermutlich auf wenige weltkirchliche Regionen und ist weitgehend unbemerkt geblieben. Es sind Ordensfrauen vor allem in Entwicklungsländern, die als ungeweihte Priesterinnen den Gemeindemitgliedern illegal die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistiefeier ermöglichen.
  3. Aber auch in legaler Funktion sind Frauen unverzichtbar geworden: In Südamerika werden 2/3 der Gemeinden von Frauen geleitet. Der Priestermangel ermöglicht den Gemeinden allerdings oft nur sehr wenige legale Eucharistiefeiern im Jahr. Die Amozonas-Synode 2019 hat sich dieses Problems angenommen und die Frage der Priesterweihe für die sog. viri probati (bewährte verheiratete Männer) diskutiert. Die ausgebliebene Berücksichtigung von (Ordens-) Frauen, von mulieres probatae, zeigt aber, dass die Synode das Thema des Priestermangels weitgehend verfehlt hat.
  1. Aus Sicht der Ordensfrauen wird die Diskriminierung der Frauen in der katholischen Kirche immer wieder als besonders schmerzvoll empfunden. Dies ist nachvollziehbar. Es dürfte für eine weibliche Ordensgemeinschaft geradezu entwürdigend sein, dass sie – selbst unter Leitung einer Äbtissin im Bischofsrang – innerhalb der eigenen Gemeinschaft keine heilige Messe feiern kann, sondern dazu von einem externen Priester abhängig ist, dessen einzige zusätzliche Qualifikation darin besteht, ein Mann zu sein. Nicht verwunderlich ist daher, das 2018 die 34 Ordensoberinnen der deutschsprachigen Frauenorden den Zugang der Frauen zu allen Weiheämtern gefordert haben.
  2. Wie tief Respeklosigkeit und Ungerechtigkeit gegenüber den Frauen in der katholischen Kirche verwurzelt sind, hat unlängst wieder die ansonsten lobenswerte Amazonas-Synode gezeigt. Während ungeweihte männliche Ordensangehörige Stimmrecht besassen, wurde dies den beteiligten Ordensfrauen nicht zugestanden. Eine solche geschlechtliche Diskriminierung ist unfassbar und erzeugt bei vielen Menschen ein Gefühl aufkommender Wut.
  3. Doch heute scheint sicher zu sein: In Zukunft wird es in der katholischen Kirche die Frauenordination geben. Sie wird genauso selbstverständlich sein wie heute die Abschaffung der Sklaverei oder das Frauenwahlrecht. Die mentalen Barrieren in den Köpfen der Gegner schwinden von Tag zu Tag. Offen ist nur die Frage, wann dieses Ziel erreicht wird. Und welche Schäden und Wunden der Prozess zur Einführung der Frauenordination hinterlässt.

Fazit: Für jeden Katholiken bedeutet dies, seine eigene Rolle in diesem Prozess zu reflektieren, um zu einem verantwortbaren eigenem Handeln auf dem unvermeidlichen Weg in die Zukunft zu kommen.